Merz hat recht — und trotzdem nicht.
Die 200-Stunden-Zahl stimmt nur für einen Teil der Beschäftigten. Über 40 OECD-Länder zeigt sich sogar das Gegenteil — und daraus folgt für Unternehmen etwas ganz anderes als „mehr arbeiten".
Was an der Aussage stimmt
Beginnen wir mit dem Teil, der trägt. Merz' Kernbotschaft ist ausdrücklich nicht „die Deutschen sind faul" — den Vorwurf hat er im selben Interview zurückgewiesen. Seine eigentliche Diagnose lautet: Die Produktivität ist zu gering. Und die ist richtig.
Für jedes Unternehmen ist genau das die entscheidende Größe. Nicht, wie lange gearbeitet wird, sondern was in dieser Zeit entsteht. Wer Löhne, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit sichern will, muss den Wert jeder einzelnen Arbeitsstunde erhöhen. Bis hierhin steht der Kanzler auf sicherem Boden — und trifft einen wunden Punkt der deutschen Wirtschaft.
Wo die Zahl kippt
Nur trägt die 200-Stunden-Zahl seine Schlussfolgerung nicht. Sie gilt ausschließlich für Vollzeitbeschäftigte: 42,5 Wochenstunden in der Schweiz gegenüber 38,4 in Deutschland (Bundesamt für Statistik / Destatis, 2025). Bezieht man alle Erwerbstätigen ein — Teilzeitkräfte und die Altersstruktur eingerechnet —, schrumpft der Abstand auf 35,2 zu 34,3 Wochenstunden. Aufs Jahr sind das keine 200, sondern knapp 50 Stunden (ZDF-Faktencheck, 2026). Der Grund ist bekannt: Eine hohe Vollzeitnorm geht meist mit einer hohen Teilzeitquote einher — die Schweiz hat eine der höchsten Europas.
Ein Blick über die Grenzen dreht die These vollends um. Griechenland, Rumänien und Bulgarien zählen zu den Ländern mit den längsten Arbeitszeiten Europas — und zugleich zu den am wenigsten produktiven. Wäre die Rechnung „länger gleich stärker" richtig, müssten sie vorne liegen. Sie liegen hinten.
Die Zahl, die alles dreht
Das ist keine Einzelbeobachtung. Legt man 40 OECD-Volkswirtschaften auf dieselben Achsen — Jahresarbeitszeit gegen Wertschöpfung pro Stunde —, lehnt sich das ganze Feld in eine Richtung. Die Korrelation liegt bei −0,74: Je 100 zusätzliche Jahresstunden gehen im Schnitt mit rund 10 Dollar weniger Output pro Stunde einher (Datenanalyse R. S. Olson, 2026, auf OECD-Basis).
Werte: OECD (2023/24), current PPP — je nach Datenjahrgang liegt Deutschland bei rund 94–98 $. Irland und Luxemburg sind durch multinationale Bilanzierung verzerrt. Quelle: R. S. Olson (2026) auf Basis der OECD-Produktivitäts- und Arbeitszeitdatenbank.
Am deutlichsten wird es an den Rändern: Ein deutscher Erwerbstätiger leistet rund 1.330 Stunden im Jahr, ein mexikanischer über 2.200 — und die deutsche Stunde erwirtschaftet dabei etwa das Vierfache. Schon der Ökonom John Pencavel zeigte, warum: Die Stundenleistung bleibt bis etwa 48 Wochenstunden stabil und fällt danach steil ab (Pencavel, 2015). Die zweite Hälfte einer langen Woche ist wenig ertragreich, bevor Kapital oder Technik überhaupt ins Spiel kommen.
Der andere Hebel
Wenn nicht die Menge der Stunden — was dann? Ein wirksamer Hebel ist Weiterbildung, zunehmend im Verbund mit gezieltem KI-Einsatz. Im kontrollierten Experiment von Noy und Zhang erledigten Fachkräfte Schreibaufgaben mit KI-Unterstützung rund 40 Prozent schneller bei 18 Prozent höherer Qualität (Noy & Zhang, Science, 2023). Also mehr Ergebnis in derselben Stunde — statt Ergebnis durch mehr Stunden. Das ist exakt, was Merz einfordert, nur über den anderen Hebel. Ein Laborbefund, kein Freifahrtschein — aber die Richtung stimmt.
Was das für Unternehmen heißt
Bleibt die Frage, die Unternehmer wirklich betrifft: Wenn Stunden nicht der Hebel sind, was schließt die Lücke? Und die Lücke ist real — eine deutsche Arbeitsstunde erwirtschaftet rund 94 Dollar, eine irische 149 (OECD, 2023). Diesen Abstand schließt keine Überstunde. Er entsteht aus Kapital, Prozessen und Kompetenz — den Faktoren, die den Wert einer Stunde tatsächlich bestimmen.
Welche sechs Hebel das im Detail sind — und was ein KMU davon realistisch bewegen kann —, zeigt unser Grundlagenbeitrag „Was ist eine Arbeitsstunde wert?". Merz hat also recht mit der Diagnose und liegt daneben bei der Therapie: Eine Arbeitsstunde wird nicht wertvoller, indem man mehr davon aneinanderreiht.
Den Wert Ihrer Arbeitsstunden erhöhen — ohne Mehrarbeit.
Im see2be AI-Consulting übersetzen wir genau diese Hebel in konkrete Abläufe.
Zum AI Consulting →Quellen
- ZDF (2026): Faktencheck zum Sommerinterview mit Bundeskanzler Merz (Zitat & Einordnung, 20. Juli 2026). zdfheute.de
- Bundesamt für Statistik (CH) / Statistisches Bundesamt (DE), 2025: Wochenarbeitszeit Vollzeit (42,5 vs. 38,4 Std.) bzw. alle Erwerbstätigen (35,2 vs. 34,3 Std.).
- Olson, R. S. (2026): „The countries that work the most hours produce the least per hour" — Datenanalyse auf Basis der OECD-Produktivitäts- und Arbeitszeitdatenbank (Korrelation −0,74). randalolson.com
- OECD: GDP per hour worked & average annual hours worked (current PPP). oecd.org
- Pencavel, J. (2015): „The Productivity of Working Hours", The Economic Journal. iza.org
- Noy, S. & Zhang, W. (2023): „Experimental evidence on the productivity effects of generative artificial intelligence", Science. science.org